uebersetzer-experten.de
/

Erfolg mit Sicherheit

 

Glück gehabt? - Haftung bei fehlerhaften Übersetzungen


von Regina Krüger, April 2017
Schlagworte: Übersetzung, Übersetzungsbüro, Übersetzer, Übersetzungsfehler, fehlerhafte Übersetzung, Haftung bei Übersetzungsfehlern, Qualitätssicherung


31808841_Mark_Carrel

Jeder kennt sie. Die lustigen und offensichtlichen Übersetzungsfehler auf Schildern, Plakaten und Speisekarten, die aus einer Pizza Quattro Staggioni eine Pizza Vier Bahnhöfe oder aus einer in Wein marinierten Hühnerbrust ein betrunkenes Hühnerbrustfilet machen. Was aber, wenn Übersetzungsfehler nicht offensichtlich als solche erkannt werden und zu ernsthaften Missverständnissen,  Anwendungsfehlern oder zur Beschädigung des Markenansehens führen? Welche ernsthaften Folgen können aus Falschübersetzungen entstehen und wer steht für sie gerade?

Seit Jahrzehnten geistern bereits Anekdoten über Übersetzungsfehler durch die Branche, die den geplanten Markterfolg von Produkten zunichtemachten. So konnte z. B. die Brauerei Coors mit Ihrem Slogan „Turn it loose“, der im Spanischen zu „Du kriegst Durchfall“ übersetzt wurde, nicht punkten. Aber auch der schwedische Elektrolux-Staubsauer mit dem Claim „Nichts saugt wie ein Electrolux“, konnte mit der englischen Übersetzung „Nothing sucks like an Elektrolux“ (in Amerika gelesen als „nichts ist so besch…., wie ein Electrolux“) nicht viele neue Kunden erreichen. Die Liste an „teuren“ Fehlübersetzungen lässt sich noch lange fortsetzen.

Neben immensen Vermögensschäden können durch Falschübersetzungen aber auch Sachschäden und im schlimmsten Fall Personenschäden entstehen. Allerdings treten die häufig von der Versicherungsbranche skizzierten Horrorszenarien, wie explodierende Anlagen, Verbrennungen und Verletzungen von Anwendern durch die fehlerhafte Übersetzung von Anleitungen, Gott sei Dank in der Regel nicht ein. Bedeutet dies, dass wir einfach nur Glück haben?

Nein, denn auch, wenn sehr gravierende Auswirkungen nur selten eintreffen und dann häufig ein Zusammenspiel aus mehreren Faktoren darstellen, sind Übersetzungsfehler in allen Branchen weit verbreitet und tragen zu erheblichen Zusatzkosten in den Unternehmen bei.

Neben Kosten, die beispielsweise für das erneute Versenden von Pressemitteilungen oder den wiederholten Druck von Broschüren und Geschäftsberichten anfallen, schlagen insbesondere auch Kosten für verspätete Lieferungen zu Buche, die durch die notwendig gewordenen Nachbesserungen entstanden sind.

Wer haftet für Schäden?

Erleidet der Übersetzungskunde einen Schaden oder wird er für einen Schaden, der durch eine fehlerhafte Übersetzung entstanden ist, von seinem eigenen Kunden in Anspruch genommen, kann er den Übersetzer oder das Übersetzungsbüro (nachfolgend beide immer nur „Übersetzer“ genannt) haftbar machen.

Die Basis für die Inanspruchnahme des Übersetzers bildet der zugrundeliegende Vertrag - in den meisten Fällen entspricht die Beauftragung einem Werkvertrag – und die Allgemeinen Geschäftsbedingungen. In den AGBs der Übersetzer lassen sich allerdings häufig zahlreiche kreative Klauseln finden, um die Haftung auszuschließen oder auf ein Mindestmaß zu reduzieren. So werden Haftungssummen auf die Auftragssumme beschränkt oder die Haftung für Vermögensschäden und Personenschäden völlig ausgeschlossen, Gewährleistungszeiten gestrichen und die Haftung für fehlerhafte Werbeaussagen bei Werbetexten herausgenommen.

Einschränkungen dieser Art dürfen allerdings getrost überlesen werden, denn Haftungsbegrenzungen und -ausschlüsse sind gemäß §309 Abs. 7 BGB unwirksam. Also ist die Haftungsfrage somit geklärt?

Mitnichten. Tatsächlich muss auch der Übersetzungskunde seiner Sorgfaltspflicht nachgekommen sein, um die Haftung an den Übersetzer abwälzen zu können. Hierzu gehört, dass dem Übersetzer alle vorhandenen, notwendigen Unterlagen zur Verfügung gestellt wurden – also zum Beispiel interne Terminologielisten oder Referenztexte.

Hierzu gehört aber gleichfalls, dass der Kunde bei der Übersetzerauswahl sorgfältig vorgeht und die Kompetenzen des Übersetzers entsprechend bewertet. Wird also aus Kostenspargründen ein Amateur-Übersetzer ohne Referenzen zu Tiefstpreisen beauftragt, kann dies im Zweifel dazu führen, dass der Übersetzer nicht in die Haftung genommen werden kann.

Erst Ende 2015 wurde vom Oberlandesgericht Köln ein Urteil gesprochen, in dem klargestellt wurde, dass Ärzte grundsätzlich verpflichtet sind, die Leistung von Dolmetschern zu prüfen um das eigene Haftungsrisiko auszuschließen. Geklagt hatte ein Patient, der Schadensersatz wegen Nebenwirkungen forderte und ein mangelhaft gedolmetschtes Aufklärungsgespräch monierte. Die Klage wurde hier allerdings abgewiesen.

Selbstverständlich hat aber auch der Übersetzer eine Sorgfaltsverpflichtung, deren Erfüllung nachgewiesen werden müssen.

Nichts zu holen?

Sind die Voraussetzungen für die Haftung des Übersetzers gegeben, stellt sich nun noch die Frage, ob der Übersetzer überhaupt Schadensersatz leisten kann.

Berufshaftpflichtversicherungen für Übersetzer, die für Vermögens-, Sach- und Personenschäden aufkommen, gibt es viele. Aber zu welchem Preis! Ein Grund für viele auf ausreichenden Versicherungsschutz zu verzichten. Möglicherweise lehnt die Versicherung aber auch einfach einen Vertragsabschluss ab und schließt zahlreiche Haftungsfälle aus, weil der Übersetzer keine universitäre Ausbildung hat, weil er die Vorversicherung bereits zweimal in Anspruch nehmen musste, weil der Übersetzer nicht in Deutschland lebt, oder, oder, oder. Im Leistungsfall steht dann gegebenenfalls die Existenz des Übersetzers auf der Kippe und der Kunde geht leer aus.

Anders sieht es regelmäßig bei Rahmenverträgen zwischen großen Industriekunden und Übersetzungsdienstleistern aus. Haftungsthemen und die explizite Nennung von Versicherungssummen gehören hier zu den Kernthemen des Vertrages. Werden einzelne Freelancer beauftragt, wird allerdings auch bei großen Industriekunden häufig auf ein großes Vertragswerk verzichtet.

Also was tun?

Im Übersetzungsprozess „menschelt“ es an vielen Stellen. Und Menschen machen Fehler. Die perfekt funktionierende Lösung zum 100%igen Ausschluss von Übersetzungsfehlern gibt es bis heute allerdings nicht – auch wenn so mancher Werbeclaim der Übersetzungsbranche anderes verheißt.

Im Rahmen eines ausgewogenen Risikomanagements müssen daher bei den Übersetzungskunden die Stellschrauben für mehr Sicherheit an mehreren Stellen gesetzt werden:

  1. Klassifizierung der Risiken
    Wie hoch ist das Produkthaftungsrisiko? Welche Unterlagen werden übersetzt (interne Präsentationen, Presseartikel, Broschüren, Dokumentationen, …)? Welche internen QS-Maßnahmen bestehen (kann die übersetzte Sprache selber verstanden/geprüft werden)?
  2. Klare Vorgaben und Informationen
    Zusammenstellung von Begleitinformationen zu Übersetzungen (Translation Memories, Terminologielisten, Referenztexte, Zielgruppeninformationen, …)
  3. Übersetzerauswahl
    Ausbildung, Kompetenzen, Arbeitsweisen, Technikeinsatz, Probetexte, Referenzen, …
  4. Qualitätssicherung
    Qualitätsmanagement, Zertifizierungen, Prozesse, Dokumentation, Technikeinsatz, …
  5. Vertragsgestaltung
    Rahmenverträge, Allgemeine Geschäftsbedingungen, Haftungssummen, …

Der Übersetzungspreis als führendes Entscheidungskriterium scheidet übrigens an dieser Stelle regelmäßig aus und macht der Kosten/Nutzen-Analyse Platz.

Einmal richtig erstellt, hält sich der Aufwand für die regelmäßige Anwendung des Risikovermeidungskonzeptes auch sehr im Rahmen. Schnell stellt sich zudem heraus, dass der Nutzen nicht nur in der reinen Fehlervermeidung zu suchen ist, sondern die Qualitätsanmutung der Übersetzung insgesamt zunimmt – was einen durchaus nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Akzeptanz und den Erfolg der Produkte in den übersetzten Sprachen nach sich ziehen kann.

Fazit

Die Haftung bei Übersetzungsfehlern ist ein komplexes Thema, welches Juristen immer wieder beschäftigt. Das Hauptaugenmerk allein auf die Ausgestaltung der Allgemeinen Geschäftsbedingungen zu legen, greift zu kurz und bietet nur eine trügerische Sicherheit.

Bereits die Bewusstmachung, das fehlerhafte Übersetzungen durchaus ernsthafte, langanhaltende Konsequenzen nach sich ziehen können, ist ein wichtiger Schritt für die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema „Übersetzung“. Denn obwohl der Übersetzungsbedarf aufgrund der Globalisierung enorm wächst, wird die globale multilinguale Kommunikation auch heute noch oft stiefmütterlich in den Unternehmen behandelt.

Letzten Endes ist es immer noch sinnvoller Fehler zu vermeiden, anstatt die Scherben missglückter Übersetzungen mühsam zusammenkehren zu müssen.


Zur Autorin:

Regina Krüger

Regina Krüger kennt als Brancheninsiderin die Herausforderung in der multilingualen Kommunikation aus den unterschiedlichsten Perspektiven. Mit Erfahrung, Sachverstand und dem nötigen Feingefühl für unternehmensspezifische Besonderheiten, berät und trainiert sie Unternehmen und Übersetzer auf ihrem Weg zu einem sicheren und effektiven Übersetzungsmanagement.