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Maschinelle Übersetzung - Fluch oder Segen?

Autor: Regina Krüger, Januar 2017
Schlagworte: Übersetzung, Maschinenübersetzung, maschinelle Übersetzung, MT, MÜ, Sprachen, Blog

Willkommen in der Zukunft. Mein Gegenüber redet chinesisch und ich höre deutsch? Ein kleiner Stöpsel in meinem Ohr macht es möglich. - Ups, die Vertragsunterlagen sind nur in kyrillischer Schrift verfügbar? Schnell abfotografiert, Smartphone-VR-Brille aufgesetzt und schon lese ich den Text bequem auf Deutsch. – Vor wenigen Jahre war das noch Science-fiction.

Wer hat 1973 bei der Patentanmeldung des ersten Mobiltelefons gedacht, dass mobile Smartphones innerhalb von kürzester Zeit zu global funktionierenden Allround-Kommunikationsmitteln werden, die unser Leben beherrschen?

Oder, dass innerhalb einer Entwicklungszeit von nur 2 Jahrzehnten die Wirtschaft ohne Breitbandanschluss und Internet nicht mehr arbeitsfähig ist? Geradezu vorsintflutlich muten uns heute Zeiten mit Faxgeräten und Floppy-Disks an.

Oder, dass die Sprachsteuerung von Google & Co. mittlerweile sogar eine schwäbisch eingefärbte Aussprache ohne jegliches Stimmensprachtraining einwandfrei erkennt.

Von den Anfängen bis zum Heute

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts dauerte der Weg von der Idee bis hin zur Massenproduktion 40 Jahre. Mitte des 20. Jahrhunderts waren es 30 Jahre. Heute liegen diese Zyklen zwischen Monaten und wenigen Jahren. Grund hierfür sind die permanent weiterentwickelten technischen und strukturellen Möglichkeiten, zu denen auch die Informationstechnologie gehört und der hohe Wettbewerbsdruck. Bedeutete „in Zukunft“ also vor 100 Jahren noch in 1-2 Generationen, bedeutet es heute, dass wir bereits morgen mit neuen Entwicklungen konfrontiert sein können.

In sehr frühen Projekten wurden maschinelle Übersetzungen speziell vom US-Militär für russisch-englische Übersetzungen eingesetzt. Nachdem ein Bericht für das US-Verteidigungsministerium 1966 die Entwicklungsaussichten für Weiterentwicklungen dann aber praktisch ausschloss, verschwand das Thema „machine translation“ aus dem Fokus. Weiterentwicklungen fanden nur wenige statt. Erst in den 80er Jahren wurde das Thema wiederbelebt und langsam durch Forschungsprojekte vorangetrieben. Verschiedene technische Grundlagen für die Übersetzungen etablierten sich. Aufgrund der doch mäßigen und häufig belächelten Übersetzungsergebnisse wurden MT-Übersetzungen jedoch bis vor wenigen Jahren noch ein hoher kommerzieller Nutzen abgesprochen.

Und heute? Globale Internetplattformen und soziale Netzwerke wie Google, TripAdvisor, AirBnB, Facebook, Instagram usw. sind heute ohne maschinelle Übersetzungen nicht mehr vorstellbar. Riesige Textmengen in Bewertungen, Chats, Mitteilungen, Support-Seiten, Blogs, Foren, … werden in Sekundenbruchteil in die gewünschte Sprache übersetzt. Die Ergebnisse der Übersetzung sind weiterhin weit von der Note „sehr gut“ entfernt. Die Akzeptanz ist dennoch hoch, weil die Konzentration auf den Inhalten liegt. Die Folge ist ein Gewöhnungseffekt an fehlerhafte Texte, mit denen wir lernen umzugehen. Auf den Service fremdsprachliche Texte ad-hoc zu verstehen, wollen wir nicht mehr verzichten.

Fehlerhafte Texte für die kommerzielle Nutzung, wie Werbetexte, Dokumentationen, Rechtstexte, Webseiten, Softwaretexte, … sind hingegen inakzeptabel. Gleichzeitig wächst der Übersetzungsbedarf aber auch hierfür kontinuierlich an. In Verbindung mit dem steigenden Kostendruck und insbesondere dem Zeitdruck für Veröffentlichungen, entsteht dadurch bei Unternehmen die Notwendigkeit Lösungen durch maschinelle Übersetzungssoftware genauer zu betrachten.

Maschinelle Übersetzungen in Unternehmen

Das größte Problem für maschinelle Übersetzungen – im Übrigen genauso wie für manuelle Übersetzungen – stellen die Ausgangstexte dar. Schachtelsatzkonstruktionen, inkonsistente Terminologieverwendungen, verbesserungswürdige Formulierungen stellen MT-Software vor große Probleme.

Als Lösung werden daher häufig hybride Prozesse und Systeme eingesetzt – eine Kombination aus Mensch und Maschine. Texte werden beispielsweise durch (von menschlichen Übersetzern erzeugten) Translation-Memorys vorübersetzt, durch statistisch, regel-basiert und/oder neural arbeitende MT-Software ergänzt und von menschlichen Übersetzern überprüft und korrigiert (post-editing). Der Arbeitsanteil der maschinellen und menschlichen Arbeit verändert sich zusehends.

Um aus maschinellen Übersetzungen für die Unternehmensdokumentation einen wirklichen Vorteil zu ziehen, benötigen allerdings sowohl der Übersetzer in seiner Funktion als post-editor als auch der Leser eine höhere Akzeptanz für die fehlende sprachliche Feinheit. Aber die lernen wir täglich ja bereits bei Google & Co.

Texte allerdings, bei denen es besonders auf die sprachliche Feinheit und die Lokalisierung an die Kultur ankommt, stellen noch weitestgehend unüberbrückbare Hürden dar, die aktuell von den bestehenden Systemen nicht überschritten werden.

Fehlte es in den vergangenen Jahren aufgrund der vielen Problemstellungen an der notwendigen Dynamik um maschinelle Übersetzungen flächendeckend für Unternehmen verfügbar zu machen, lässt sich nun deutlich erkennen, dass sich der Themenkomplex zu einem globalen Kernthema in der Übersetzungsbranche entwickelt hat und diese nach und nach verändert.

Fluch oder Segen?

Oder beides? Eine Frage, die abhängig von der eigenen Perspektive sehr unterschiedlich beantwortet wird. Maschinelle Übersetzungen sind in der alltäglichen Verwendung im Internet sehr hilfreich, helfen Sie uns doch über viele Sprachbarrieren hinweg zu einem grundsätzlichen Austausch und Verständnis untereinander. Doch Maschinen können nicht zwischen den Zeilen lesen. Der Humor, die Ironie, sprachliche Raffinesse bleiben auf der Strecke. Und Gefahren lauern überall dort, wo durch falsche Übersetzungen falsche Sinninhalte entstehen, die unreflektiert mit Wahrheiten gleichgesetzt werden.

Auch aus Unternehmenssicht ist die maschinelle Übersetzung ein Segen. Sie ist ad-hoc verfügbar, Textmengen spielen keine Rolle und sie ist, wenn nicht kostenlos, doch zumindest sehr günstig. Der Zeitpunkt, dass die Unternehmenskommunikation vollständig durch die maschinelle Übersetzung übernommen werden kann, ist jedoch noch nicht gekommen. Zu groß sind die Gefahren und Konsequenzen, die sich aus fehlerhaften, sinn-verfehlenden Übersetzungen ergeben können. Vorhandene Vorteile aus der Vorbereitung von Texten durch die maschinelle Übersetzung in Kosten und Zeit, werden jedoch auch heute schon sehr gerne genutzt.

Also ist die maschinelle Übersetzung nur ein Fluch für den Übersetzer? Stirbt das Berufsbild des Übersetzers aus oder verändert es sich nur? Sicher ist, dass das globale Übersetzungsvolumen auch in Zukunft nicht abnehmen wird und dass es dauerhaft viele Texte geben wird, die aufgrund des Schwierigkeitsgrades, der Vertraulichkeit, der sprachlichen Feinheit, der möglichen Auswirkungen, … durch Menschen übersetzt werden müssen, wie z. B. in der Medizin. Aber die maschinelle Übersetzung greift viel tiefer in den Arbeitsalltag des Übersetzers ein und verändert die Arbeitsteilung zwischen Mensch und Maschine. Das Post-Editieren von maschinellen Übersetzungen wird fester Bestandteil des Berufsbildes. Die Veränderungsprozesse lassen aber auch Raum für die Entstehung und Vergrößerung neuer Spezialkompetenzen.

Fazit

Das was gestern noch Zukunft war, ist heute Realität. Und so wird es sicherlich auch morgen weitergehen. Niemand kann heute genau sagen können, wo die Grenzen in der maschinellen Übersetzung liegen und wie schnell die Weiterentwicklungen verfügbar sein werden.

Wer den weiteren Veränderungsprozess aber – egal ob schneller oder langsamer – als positive Herausforderung begreift, wird viele lohnenswerte Chancen entdecken und davon profitieren.

Letztlich wird die maschinelle Übersetzung aber die Vielfalt unserer sprachlichen Ausdrucksweise minimieren und standardisieren. Und das ist bei allen Vorteilen, die die maschinelle Übersetzung in wirtschaftlicher, kommerzieller, politischer und in privater Hinsicht bringt und bringen wird, schade.

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