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Übersetzungsthema: Verschiedene Sprachen, unterschiedliche Textlängen

von Regina Krüger, Februar 2017
Schlagworte: Übersetzung, Übersetzungsbüro, Übersetzer, DTP, Textexpansion, Englisch, Deutsch, Displaytextübersetzungen, Wysiwyg-Übersetzungseditor


Werden Dokumente, Webseiten, Steuerungstexte von Maschinen und Ähnliches übersetzt, geht es meistens nicht allein um eine gute sprachliche Übersetzung. Vielmehr sind Übersetzer oder Übersetzungsbüros direkt oder auch indirekt mit den Anforderungen an das passende Layout beschäftigt. Die Freude über schöne Broschüren und Web-Layouts kann schnell in Frust umschlagen, wenn der gleiche Inhalt in den verschiedenen Sprachen unterschiedlich viel Platz benötigt und so erhebliche Layout-Anpassungen notwendig werden.

Englisch und Chinesisch gelten beispielsweise als sehr kompakte Sprachen. Mit relativ wenigen Zeichen kann viel ausgedrückt werden. Zudem sind die einzelnen Wörter durchschnittlich recht kurz und können so wunderbar und problemlos auf mehrere Zeilen verteilt werden. Werden die Ausgangstexte aber in andere Sprachen übersetzt, verändert sich das Bild schnell.

Die Übersetzung eines englischen Textes ins Deutsche führt zu einer Textexpansion von durchschnittlich 25-30 %. Dabei gilt im Allgemeinen: Je kürzer der Ausgangstext desto höher die Expansion. Einzelne Wörter bis zu 10 Zeichen können so eine Expansion über 200 % erreichen.

Wird in weitere Sprachen, wie ins Französische, Spanische, Portugiesische, Ungarische, Russische und Weitere übersetzt, erhöht sich der Expansionsfaktor weiter bis zum 1,5-fachen des Ausgangstextes.

Tabelle: Textexpansion Englisch-Deutsch und andere Sprachen nach Anzahl der Zeichen:

Anzahl der Zeichen im Text

Benötigte Platzreserve für Übersetzungen

bis zu 10 Zeichen (Beispiel: home)

100% bis 200% (Beispiel: Startseite)

11 bis 20 Zeichen

80% bis 100%

21 bis 30 Zeichen
(Beispiel 26 Zeichen: Set the power switch to 0.)

60% bis 80%
(Beispiel de/34 Zeichen: Stellen Sie den Netzschalter auf 0.)
(Beispiel fr/37 Zeichen: Placez l´interrupteur de tension à 0.)
(Beispiel es/55 Zeichen: Ponga el interruptor de alimentación de corriente en 0.)

31 bis 50 Zeichen

40% bis 60%

51 bis 70 Zeichen

31% bis 40%

über 70 Zeichen

30%

(Quelle: IBM Globalization Guideline*)

Dies führt auch zu Kuriositäten im Social Media. Während sich englischsprachige oder chinesische User mit den erlaubten 140 Zeichen auf Twitter regelrecht austoben können, müssen Südeuropäer mit Abkürzungen oder dem Wegfall von Wortteilen sehr erfinderisch sein, damit eine Nachricht überhaupt noch einen Sinn ergibt.

In Sprachen wie z. B. dem Deutschen, Finnischen oder Niederländischen besteht zusätzlich noch die Herausforderung des Umgangs mit zusammengesetzten Wörtern. Diese lassen sich nur schlecht automatisch umbrechen, aber auch schlecht in Tabellen und schmale Textboxen pressen. Andere Sprachen wie Japanisch oder Russisch hingegen, verwenden zahlreiche sehr breite Zeichen und benötigen allein schon deswegen mehr Platz.

Als besonders problematisch erweisen sich lange Ausgangstexte bei der Übersetzung von Software-Oberflächen oder Displaytexten von elektronischen Geräten oder Maschinen, die regelmäßig nur sehr wenig Platz für Texte ausweisen. Ist die Zeichen-, respektive Pixelanzahl stark begrenzt, entstehen bei der Übersetzung Wortverstümmelungen, die selbst mit größter Anstrengung nicht mehr gedeutet werden können.

Wird als Ausgangssprache Deutsch gewählt, reduziert sich die Problematik geringfügig, bleibt aber gegenüber den meisten Sprachen bestehen.

Häufig wird also vor der Veröffentlichung von Dokumenten eine umfangreiche Nachbearbeitung der Dokumente von DTP-Experten notwendig. Lassen sich Texte und Grafiken nicht einfach auf weitere Seiten verschieben, werden kleinere Fonts gewählt und Abstände minimiert. Passt es gar nicht mehr, werden die Übersetzungen zum Kürzen erneut zum Übersetzer geschickt. Ein sehr aufwändiger Prozess der zusätzlich Zeit und Geld kosten kann.

Wie kann der Ablauf verbessert werden? Optimalerweise wird bereits beim Layouten und Schreiben der Ausgangstexte auf genügend Platz für weitere Sprachen geachtet. Google empfiehlt Entwicklern beispielsweise für Elemente des User Interfaces 30 % zusätzlichen Platz für langlaufende Sprachen zu lassen und ein flexibles Layout zu wählen, dass sich horizontal und vertikal anpasst. Bei Standardlayouts von Anleitungen, Broschüren mit viel Text, sollten die Seiten nicht vollgeschrieben und flexible Seitenumbrüche erlaubt werden. Automatische Silbentrennungen sollten übrigens wo möglich vermieden werden, denn Fehler sind hier vorprogrammiert.

Modere Translation-Memory-Software erlaubt heute bereits das Editieren/Übersetzen von Texten von verschiedenen Programmen (z. B. InDesign) im Wysiwyg-Modus. Der Übersetzer sieht also bereits beim Schreiben, wie seine Übersetzung in das Layout passt. Alternativ kann zwischen dem Editiermodus und dem Ansichtsmodus hin- und hergeschaltet werden. Übersetzungsfreundliche Rahmenbedingungen bei der Layouterstellung und den Ausgangstexten, sowie eine entsprechende Editierumgebung reduzieren den Aufwand für Übersetzer und Publisher somit erheblich.

Eine größere Herausforderung stellt die Übersetzung von Displaytexten dar. Sollen Hinweise und Anweisungen zum Beispiel in dem Display eines Kaffeevollautomaten auch auf Spanisch noch lesbar sein, wird es schwierig. Um den generell sehr geringen Platz im kleinen Display völlig auszunutzen, empfiehlt sich die Vorgabe der Zeichen- bzw. sogar der Pixelanzahl. Werden exakte Platz- und Abkürzungsvorgaben nicht vorgegeben, bzw. erstellt, sind mehrere Revisionsschleifen zwischen Entwicklern und Übersetzern die Regel.

Einzelne Lokalisierungsoftwarehersteller bieten die Erstellung einer speziellen Visualierungsapplikation für Displayübersetzungen an (rendering machine). In Kombination mit einem Translation-Memory-System kann so ein schlanker Übersetzungsprozess für Displaytexte abgebildet werden. Liefert der Auftraggeber Informationen über Pixel, Fonts und Strukturen mit, werden dem Übersetzer die Vorgaben bereits während dem Editieren angezeigt und Anpassungen/Kürzungen können sofort erledigt werden.

Was allerdings bleibt: Die persönliche Kunst des Übersetzers optimale und sinnvolle Abkürzungen zu finden, die erlauben, die gewünschte Kaffeezubereitung im Kaffeevollautomaten auf schnellstem Wege sicher zu finden.


Quellen:
*http://www-01.ibm.com/software/globalization/guidelines/a3.html
https://developer.android.com/distribute/tools/localization-checklist.html


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