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Wem gehört eigentlich das Translation-Memory?


von Regina Krüger, Mai 2017
Schlagworte: Übersetzung, Übersetzungsbüro, Übersetzer, Translation-Memory, TM, TMS, Urheberrecht

 

Translation-Memorys sind bares Geld wert. Das wissen Übersetzungsbüros und freiberufliche Übersetzer und zwischenzeitlich auch immer mehr gut informierte Übersetzungskunden. Mit Hilfe wachsender Translation-Memorys (TMs) lassen sich Texte schneller und kostengünstiger übersetzen. Und stimmt die Qualität der TMs, nimmt dies auch einen positiven Einfluss auf die Qualität und Konsistenz neuer Übersetzungen. Klar also, dass die begehrten Datenbankinhalte immer häufiger von Kunden angefordert werden.


Überzeugungen und Fragen

Geht es dann jedoch konkret um die Auslieferung der Translation-Memorys stehen sich Übersetzer und Kunden nicht selten kontrovers gegenüber. Denn die Frage, wem das Translation-Memory nun eigentlich gehört, wird von den Parteien (Kunde, Übersetzungsbüro, Übersetzer) häufig sehr unterschiedlich beantwortet – eine spannungsgeladene Differenz.

Kunden dürfen heutzutage bei der Beauftragung von Übersetzungen davon ausgehen, dass der Einsatz einer Translation-Memory-Software die Basisunterstützung für die Anfertigung von Übersetzungen ist. Somit werden auch Translation-Memorys, also Datenbankinhalte erstellt, die aus der angefertigten Übersetzung resultieren. Der Kunde zahlt für die Auftragsarbeit „Übersetzung“, die auf seinen Quelltexten beruht, den vereinbarten Preis und hat somit Anspruch auf die Übersetzung und die Datenbankinhalte. Soweit die einfache und nachvollziehbare Sicht vieler Kunden.

Anders sehen jedoch die Argumente auf der Seite vieler freiberuflicher Übersetzer aus. Neben Übersetzern, die problemlos der Sicht der Kunden folgen, gibt es andere, die sich als Urheber neuer Inhalte sehen, auf die der Kunde nur in Form der übersetzten Dokumente Anspruch hat. Der Einsatz der Translation-Memory-Technologie wird als persönliches Investment bewertet, dessen erzeugte Ergebnisse, die Pflege und Weiterverwendung allein dem Übersetzer obliegt. Wurde die Lieferung des Translation-Memorys bei der Beauftragung der Übersetzung nicht explizit in den Auftrag inkludiert, wird die Weitergabe der TMs ausgeschlossen.

In ähnlicher Weise gehen die Meinungen auch bei Übersetzungsbüros auseinander. Zudem wird mit der Lieferung der TMs auch der Verzicht eines vermeintlichen Wettbewerbsvorteils verknüpft. Ein Vorteil, der sich aus der Möglichkeit zu kostengünstigeren Angeboten gegenüber Übersetzungsanbietern ergibt, die ohne vorliegendes Translation-Memory in den Wettbewerb treten müssen.

Aber was ist denn nun richtig? Was passiert zum Beispiel, wenn mehrere Übersetzer gleichzeitig an einer Übersetzung arbeiten oder wenn der Übersetzer in einem Translation-Memory neue Übersetzungen nur ergänzt, weil er ein bereits gefülltes TM vom Kunden erhalten hat. Und wie verhält es sich überhaupt mit den Urheberrechten? Es gibt viele offene Fragen im Zusammenhang mit der Frage, wem Translation-Memorys gehören, auf die es oftmals nicht nur eine Antwort gibt und die im Zweifel auch Juristen und Gerichte beschäftigen.

Kompromisse finden

Bevor jedoch rechtliche Schritte eingeleitet werden, sollte geprüft werden, ob es noch andere Möglichkeiten der Konfliktentschärfung gibt. Denn Translation-Memorys können beispielsweise auch aus bilingualen Dateien (z. B. XLIFF, DOC, RFT) aufgebaut werden. Hierbei liefert der Übersetzer nicht sein TM, sondern nur einen Dateiexport der übersetzten Datei im zweisprachigen Format. Wird diese Datei einem anderen Übersetzer zur Verfügung gestellt, kann dieser die Datei in ein neues TM importieren. Sollte dies nicht möglich sein, kann letztlich auch ein Quelldokument und ein übersetztes Dokument im Nachgang „alignt“ (verbunden) werden um darauf basierend ein neues Translation-Memory zu erzeugen. Ob der Aufwand den Nutzen rechtfertigt muss von Fall zu Fall entschieden werden, wenn jegliche sonstige Kompromisslösung mit dem Übersetzer fehlschlägt.

Die rechtliche Seite

Spätestens dann, wenn die gegensätzlichen Überzeugungen zum Umgang mit dem TMs offensichtlich werden, wird nach den rechtlichen Rahmenbedingungen geforscht. Hier stellen sich zunächst Fragen, wie:

• Unterliegen Übersetzungen dem Urheberrechtsgesetz?

• Welcher Rechtsrahmen findet Anwendung, werden Übersetzungen doch global angefertigt?

• Gehören Datenbanken, bzw. Datenbankinhalte zu den Übersetzungen oder sind sie separat zu beurteilen?

Als Nicht-Juristin kann ich Ihnen in diesem Blog-Beitrag leider keine Auskünfte geben, die Ihnen rechtliche Sicherheit im Umgang mit den Translation-Memorys vermitteln. Vielmehr teile ich mit Ihnen meine Erfahrungen und Recherchen, die Ihnen eine gute Grundlage bieten können, sich eine eigene Meinung zu bilden und besser durch das Labyrinth von Einflüssen zu navigieren.

In Abschnitt 2, § 3 des Urheberrechtsgesetzes findet sich folgender Text „Übersetzungen und andere Bearbeitungen eines Werkes, die persönliche geistige Schöpfungen des Bearbeiters sind, werden unbeschadet des Urheberrechts am bearbeiteten Werk wie selbständige Werke geschützt.“ Übersetzungen unterliegen also grundsätzlich dem Urheberrecht. Fraglich bleibt allerdings, wie mit Teilübersetzungen umzugehen ist, die im Rahmen des Einsatzes von Content Management Systemen immer häufiger beauftragt werden. § 4 des Urheberrechtsgesetzes regelt in der Folge den Umgang mit Sammelwerken und Datenbankwerken. Aber auch hier bleibt die Frage offen, ob sich der Schutz eher auf die TM-Struktur bezieht und nicht auf den Inhalt, der ggf. durch § 3 bereits geschützt ist? Zudem besteht das Translation-Memory nur zur Hälfte aus übersetzten Segmente und zur anderen Hälfte aus den auch urheberrechtlich-geschützten Quelltexten des Kunden.

Wie schwierig die Beurteilung ist, ob es sich bei Übersetzungen um urheberrechtlich-geschützte Werke handelt, zeigt auch ein Obiter dictum (eine nebenbei in einer Urteilsbegründung geäußerte Rechtsansicht, die sich auf andere Urteile auswirken kann) des Bundessozialgerichtes von 2006. Hierin heißt es „(Auszug)…Im Urheberrecht werden nach § 3 Satz 1 Urheberrechtsgesetz (UrhG) nur Übersetzungen und andere Bearbeitungen eines Werkes, die persönliche geistige Schöpfungen des Bearbeiters sind, unbeschadet des Urheberrechts am bearbeiteten Werk wie selbstständige Werke geschützt. Die Übersetzung und jede andere Form der Bearbeitung muss dabei zwar das Originalwerk erkennen lassen, sich aber durch eine eigene schöpferische Ausdruckskraft von ihm abheben (…). Die danach zu stellenden Anforderungen sind grundsätzlich die gleichen wie bei einem Originalwerk. Nach § 2 Abs 2 UrhG sind erforderlich eine persönliche Schöpfung, geistiger Gehalt, Formgebung und Individualität. Übersetzungen stellen in der Regel eine eigenschöpferische Leistung dar, weil die neue Sprachform Einfühlungsvermögen und stilistische Fähigkeiten erfordert und damit den individuellen Geist des Übersetzers zum Ausdruck bringt. Die Untergrenze wird im Urheberrecht durch das rein Handwerkliche bestimmt; keine Werkqualität haben zB rein routinemäßige Übersetzungen einfacher Sprachwerke (…)….“ (BSG, Urteil vom 7.12.2006 – B 3 KR 2/06 R).

Also doch keine Urheberschaft außerhalb der Literaturübersetzung? Nun, es ist nicht zweifelsfrei geklärt, daher sollte sicherheitshalber weiterhin davon ausgegangen werden, dass der Übersetzer oder das Übersetzungsbüro Urheber und Inhaber der Rechte an der Übersetzung und des Translation-Memorys sind. Neben der Herausgabe des TMs zeigt sich dann als Folge der Urheberschaft natürlich auch noch ein anderer Aspekt in der Zusammenarbeit – der Umgang mit den Nutzungsrechten.

Um auf der rechtssicheren Seite zu bleiben, ist in den Vertragsbedingungen bei der Auftragserteilung sicher zu stellen, dass der Übersetzer mit der Lieferung der Übersetzung auch gleichzeitig sämtliche Nutzungsrechte an der Übersetzung und an dem Datenbankwerk an den Übersetzungskunden erteilt. Wird in diesem Zusammenhang die Lieferung des Translation-Memorys auch gleichzeitig als Auftragsbestandteil festgemacht, sind alle Anforderungen transparent und können von jedem Beteiligten berücksichtigt werden.

Beim Schutz geistiger Schöpfungen gibt es weltweit zwei Rechtstraditionen: das kontinentaleuropäische Urheberrecht und das angloamerikanische Copyright. Die Fragen zum Schutz des geistigen Eigentums unterliegen dem Schutzlandprinzip, was bedeutet, dass dem Urheber kein einheitliches Urheberrecht zusteht, sondern ein Bündel inhaltlich unterschiedlicher Urheberrechte.

Mit Blick auf das deutsch/europäische Urheberrecht und das Copyright ist im Ansatz der Bezugsperson der größte Unterschied erkennbar. Beim Urheberrecht ist das geschaffene geistige Werk untrennbarer Teil der Autorenperson, das Copyright hingegen schützt die wirtschaftlichen Interessen des Verlegers und Auftragsgebers.

Ist eine Übersetzungsaufgabe z. B. in den USA also vertraglich klar als Auftragsarbeit (work made for hire) gekennzeichnet, liegen das Copyright beim Auftraggeber und nicht beim Übersetzer. Die Kennzeichnung von Werken mit dem © ist übrigens bereits seit 1989 überflüssig, denn auch in den USA entsteht der Urheberrechtsschutz automatisch mit der Schöpfung des Werkes.

Ist das Urheberrecht in Bezug auf Übersetzungen noch adäquat?

Übersetzungen werden heute nicht selten als Kombi-Produkt aus Humanübersetzung, Translation-Memorys und maschineller Übersetzung hergestellt. Neue Übersetzungen werden automatisch in große Datenpools übernommen um darauf basierend noch bessere Ergebnisse bei der Folgeübersetzung zu generieren. Übersetzer arbeiten parallel an einem Auftrag oder zeitgleich für den gleichen Kunden an mehreren Projekten, die gleiche Datenbasis nutzend, die dann oftmals in einer Cloud liegt. Firmen schließen sich zusammen, um gemeinsame Datenpools zu schaffen und zu nutzen. Die Auseinandersetzung über die Frage, wem gehört das Translation-Memory – also die Sammlung einzelner Übersetzungssegmente - erscheint in diesem Kontext sehr kompliziert zu werden. Die aktuelle Gesetzeslage deckt die neuen Anforderungen nicht oder nur rudimentär ab. Wünschenswert wären einfache und klare Vorgaben und Regelungen, die auch ohne juristischen Beistand verständlich und nachvollziehbar sind.

Fazit

Unabhängig von der rechtlichen Seite, unterliegt die Beauftragung von Übersetzungen auch immer einem Vertrauensverhältnis, welches durch die Verweigerung der Herausgabe von Translation-Memorys erschüttert werden kann. Steht die Idee der höheren Kundenbindung dahinter, sollte bedacht werden, dass Translation-Memorys auch jederzeit nachträglich erzeugt werden können und die angedachte Kundenbindung schnell ins Gegenteil umschlagen kann. Wird die Herausgabe von TMs abgelehnt, weil der Übersetzer seine Zusatzaufwände für das Anlegen und Pflegen des Translation-Memorys nicht monetarisiert sieht, ist anzuraten, die Preisgestaltung zu überdenken und die Leistung in den Preis zu inkludieren.

Der beste Weg ist allerdings alle Parameter zu Beginn der Zusammenarbeit zu klären und schriftlich festzuhalten. So gibt es keine unangenehmen Überraschungen.

 

Zur Autorin:

Regina Krüger kennt als Brancheninsiderin die Herausforderung in der multilingualen Kommunikation aus den unterschiedlichsten Perspektiven. Mit Erfahrung, Sachverstand und dem nötigen Feingefühl für unternehmensspezifische Besonderheiten, berät und trainiert sie Unternehmen und Übersetzer auf ihrem Weg zu einem sicheren und effektiven Übersetzungsmanagement.